Camelford-Aluminium-Zwischenfall 1988

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Der Zwischenfall in der Wasseraufbereitungsanlage von Camelford (UK) im Juli 1988

Der folgende Text stammt von der Literatur-Studie "Aluminium-Toxikologie und gesundheitliche Aspekte körpernaher Anwendungen"] welche im Auftrag von Österreichs Gesundheitsminister Alois Stöger am 11. Juni 2014 veröffentlicht wurde.[1][2]

Der Vorfall: 20 t Aluminiumsulfat gelangten versehentlich ins Wasserwerk

Durch einen Bedienungsfehler wurden im Juli 1988 in das Speicherbecken eines Wasserwerks in Camelford versehentlich 20 t Aluminiumsulfat eingefüllt. Etwa 20.000 BewohnerInnen erhielten dadurch über bis zu drei Tage Wasser, dessen Aluminiumgehalt mehr als das Hundertfache über dem EU-Grenzwert (0,2 mg/l) lag. Der durch diese Chemikalienzugabe erhöhte pH-Wert führte dazu, dass auch aus den Wasserleitungen der Bewohner Metalle gelöst wurden; das Wasser war ungewöhnlich gefärbt, schmeckte bitter und brachte Milch zur Gerinnung. Viele Bewohner klagten über Übelkeit, Hautentzündungen, Magenkrämpfe, Gelenkschmerzen und Durchfall. Die zuständigen Behörden reagierten spät und gaben unvollständige Informationen; eine Warnung an die Öffentlichkeit erging erst nach drei Wochen. Den Verantwortlichen der „South West Water Authority“ wurde später eine Bußgeldzahlung von £ 10.000 auferlegt und sie zahlten darüber hinaus etwa £ 500.000 direkt an die Geschädigten (Telegraph 2012).

Erste Untersuchungsberichte:

Das britische Gesundheitsministerium setzte eine Untersuchungskommission unter Ms. Barbara Clayton ein, die zwei Berichte vorlegte (David 1995). Der 1989 vorgelegte erste Bericht bestätigte zwar die kurzfristig sehr hohe Aluminiumbelastung des Trinkwassers, konnte aber keine langfristigen gesundheitlichen Schäden ausmachen. Auch der zweite 1991 vorgelegte umfangreichere Bericht kam zu einer ähnlichen Bewertung: Solche kurzfristigen hohen Belastungen würden wohl eher nicht - anders als die damals bereits bekanntgeworden Schädigungen durch Aluminium bei Dialyse-PatientInnen - zu ernsten Gesundheitsfolgen führen. Begleitende Untersuchungen der Betroffenen wurden im Kommissionsbericht als wenig sinnvoll angesehen, da „die erhebliche Furcht der Bevölkerung vor langfristigen Auswirkungen“ die Resultate von Befragungen verzerren würde.

Kontroversen und Diskussionen

Viele der Betroffenen, die von dem belasteten Wasser getrunken hatten, klagten über anhaltende und sogar zunehmende gesundheitliche Probleme. Vorwürfe über eine Verschleierung der Verantwortlichkeiten wurden erhoben, vor Gerichten wurden Schadenersatzklagen eingebracht und die BBC strahlte im Fernsehprogramm eine investigative Dokumentation aus: „Camelford - A Bitter Aftertaste“.

Bewertung durch medizinische Experten

Nach Ausstrahlung des BBC-Beitrages erschien im „British Medical Journal“ ein Editorialbeitrag, der auf einige Defizite der vom Gesundheitsministerium veranlassten Untersuchungen hinwies: Es gab keine Untersuchungen der von BewohnerInnen festgestellten Schädigungen des Fischbestandes oder der Erkrankungen und Todesfälle unter Schweinen und Kühen. Die erst nach langen Verzögerungen zur Untersuchung eingesetzte Clayton-Kommission wurde, nach Zweifeln an ihrer Unabhängigkeit und Kompetenz, erneut um die Verfassung eines zweiten Berichtes ersucht. Erst die von den BewohnerInnen selbst veranlassten medizinischen Untersuchungen hatten dann zweifelsfrei einige Schädigungen durch das im Trinkwasser enthaltene Aluminium belegen können. Das BMJ-Editorial hob einige Erkenntnisse, die dadurch gewonnen werden konnten, hervor (BMJ 1991):

  • die Regierung hat nur nach erheblichen Verzögerungen reagiert („arrogant dismissive attitude“) und sie hat es versäumt, die von Beginn an verfügbaren wissenschaftlichen Hinweise zu diesem Vergiftungsfall aufzugreifen;
  • der Vorfall in Camelford habe (durch Knochen-Biopsien) bewiesen, dass in den Knochen nach einer einzelnen Aluminiumdosis Aluminium deponiert wird;
  • entgegen der vor Jahrzehnten vertreten Annahme, dass Aluminium eine harmlose Substanz sei, müsse sie vielmehr als toxisch angesehen werden. Es liegen Belege dafür vor, dass die über lange Zeit verabreichten kleineren Dosen von Aluminium Schädigungen des Gehirns verursachen können;
  • und daher sei die Verwendung von Aluminium als Chemikalie bei der Wasseraufbereitung, aber auch als Antazidum sowie für Töpfe und Pfannen in Frage zu stellen.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen

Einige wissenschaftliche Veröffentlichungen haben sich mit direkten gesundheitlichen Schä- digungen der vom Camelford-Unfall betroffenen BürgerInnen beschäftigt:

Eine 1990 im „Lancet“ vorgelegte Studie (Eastwood 1990) berichtet davon, dass bei zwei Betroffenen (im Alter von 41 und 49 Jahren) sechs Monate nach dem Zwischenfall eine Knochenbiopsie vorgenommen wurde. Dabei stellte sich heraus, dass in einem zylindrischen Knochensegment von 5 mm Ø, das dem oberen Beckenknochen entnommen worden war, Linien von abgelagertem Aluminium erkennbar waren. Deren Lage deutete darauf hin, dass die relevante Belastung durch Aluminium einige Monate zuvor stattgefunden hatte. Beide Personen hatten zum Zeitpunkt der erhöhten Aluminiumbelastung dieses Trinkwasser konsumiert; sie hatten danach an Entzündungen in Mund, Nase und im Rachenbereich gelitten. Auch sechs Monate später, im März 1989, fühlten sie sich noch erkrankt und sie hatten daher einen gründliche Untersuchung und eine Biopsie erbeten. Die maximale Aluminiumbelastung im Trinkwasser in Camelford war mit einem Wert zwischen 30 bis maximal 620 mg/l abgeschätzt worden - gegenüber dem EC-Grenzwert von 0,2 mg/l.

Eine Folgestudie der gleichen ForscherInnengruppe berichtete 1993 vom weiteren Verlauf im Leben der beiden Personen, bei denen durch eine Knochenbiopsie Aluminiumablagerungen festgestellt worden waren. Eine erneute Biopsie ergab, dass die Aluminiumablagerungen absorbiert worden waren. Die neuropsychologischen Untersuchungen bei diesen sowie bei zusätzlichen acht zuvor in Camelford exponierten Personen, ergaben „konsistente Hinweise auf Schädigungen der Informationsverarbeitung und des Gedächtnisses“ (McMillan 1993).

Eine 1999 im „British Medical Journal“ präsentierte Arbeit (Altmann 1999) berichtet von den Resultaten einer retrospektiven Studie der Gehirnfunktionen von mehr als fünfzig der 1988 in Camelford betroffenen BürgerInnen. Die StudienautorInnen, die an Kliniken in London und Oxford arbeiteten, fanden bei diesen Personen - im Vergleich zu einer Kontrollgruppe - signifikante Schädigungen ihrer Gehirnfunktionen. Es wurde auch ein Vergleich mit nahen Verwandten, die außerhalb des von der Aluminium-Kontamination betroffenen Gebietes lebten, vorgenommen. Auch dabei wurden bei den BewohnerInnen von Camelford Beeinträchtigungen gefunden. Als Zusammenfassung wird in dieser Veröffentlichung festgehalten: „... die Studienteilnehmer regierten auf diese Tests in einer Weise, die in Übereinstimmung mit einer vorhandenen organischen Gehirnerkrankung wäre und die darin auch denen von Dialyse-Patienten ähnelt, die durch Aluminium geschädigt wurden...“

Todesfall von Carole Cross im Alter von 58 Jahren

Ms. Carole Cross, eine Bewohnerin von Camelford, war im Jahr 2004 im Alter von 58 Jahren an einer „seltenen und sehr aggressiven Form der Alzheimer-Erkrankung - „cerebral amyloid angiopathy“ - verstorben; die Autopsie fand extrem hohe Werte von Aluminium in ihrem Gehirn (Telegraph 2012). Auf Initiative ihres Ehemanns wurde Jahre später, in 2012, eine Anhörung über die Umstände ihrer Erkrankung durchgeführt. Die amtliche Untersuchung stellte fest, dass es sehr wohl möglich sei, dass die Aluminium-Vergiftung zu ihrem Tod beigetragen habe. Es sei jedoch nicht möglich, dies als Todesursache zu identifizieren. In jedem Fall sei die durch die Verantwortlichen um Wochen verzögerte Information der Bevölkerung ein Skandal gewesen. Diese hätten ihre Pflichten verletzt und sie hätten das Leben von 20.000 BürgerInnen aufs Spiel gesetzt. Die Forschungen zu den Auswirkungen von Aluminium auf die Gesundheit der Bevölkerung müssten fortgesetzt werden (BBC 2012).

Abschließender Untersuchungsbericht der britischen Behörde für Lebensmittelsicherheit

Der erst sehr spät im Februar 2013 und damit fünfundzwanzig Jahre nach dem Zwischenfall vorgelegte Bericht des speziell zur Untersuchung dieses Zwischenfalls eingesetzten britischen Komitees (UK-COT 2013) hat die folgenden Beobachtungen und Forderungen herausgearbeitet:

  • Für den Zeitraum von etwa einer Woche im Juli 1988 gab es dort sehr hohe Überschreitungen des Gehalts an Aluminium im Trinkwasser. Auf der Grundlage von Modellrechnungen und einigen wenigen Proben wird angenommen, dass bis zu 700 mg Aluminium je Liter Wasser enthalten waren. Selbst am Jahresende 1988 und zum Teil noch bis in das Jahr 1989 hinein lagen die Werte für Aluminium noch bei einem Drittel der Proben über den empfohlenen WHO-Grenzwerten für Aluminium, und zusätzlich waren auch über mehrere Monate (als Folge des beim Zwischenfall stark erniedrigten pH-Wertes des Wassers und der dadurch ausgelösten Korrosionprozesse in den Wasserleitungen) die Werte für Kupfer, Blei, Mangan, Eisen und von Sulfaten stark erhöht;
  • Für die BürgerInnen lag damit die abgeschätzte maximale Belastung bei 260 mg/Tag (für Erwachsene) und bei 100 mg/Tag (für mit Flaschennahrung versorgte Kleinkinder);
  • einige befragte praktische ÄrztInnen im betroffenen Gebiet berichteten von zunächst beobachteten Verätzungen der Mundschleimhaut, von Haut-Ekzemen, Durchfällen und

Gelenksbeschwerden sowie später von vermehrtem Auftreten von Gedächtnisverlusten und von Arthritis;

  • Die aus den Gesundheitsdaten bestimmte Häufigkeit von Todesfällen, von Leukämie- und von Krebserkrankungen bei der Bevölkerung, die kontaminiertes Wasser konsumiert

hatte, war im Zeitraum 1988 bis 1998 nicht signifikant erhöht, allerdings wurden in einer kleineren Gruppe von Betroffenen milde bis moderate Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten festgestellt;

  • Der kurz vor dem Abschluss der Arbeiten des Untersuchungskomitees bekannt gewordene seltene Fall einer „zerebralen amyloiden Angiopathie“, an der eine 59-jährige Bür-

gerin verstarb, war Gegenstand einer eigenen Untersuchung (durch den West Somerset Coroner). Bei der Verstorbenen wurden erhöhte Belastungen des Gehirns durch Alumi- nium festgestellt und das Verdikt des Coroners hält dazu fest … „dass die Verstorbene im Juli 1988 einer überaus hohen Menge von Aluminium ausgesetzt war. Da keine Hin- weise auf andere Quellen für das von ihr aufgenommene Aluminium vorliegen, wird es als sehr wohl möglich angesehen, dass die vom Wasserwerk in Lowermoor ausgehenden Aluminium-Belastungen des Trinkwassers zu ihrem Tod beigetragen haben“;

  • Mehrfach kritisiert wurde das Fehlen von verlässlichen offiziellen Informationen über den Zwischenfall. Es gab inkonsistente und widersprüchliche Aussagen von Behörden, und auch die zuerst gegebene Versicherung, das Wasser könne unbesorgt verwendet werden, wurde später wieder zurückgezogen. Erst nach mehr als einem Monat wurden die lokalen Gesundheitsbehörden über den Vorfall informiert;
  • Empfohlen werden weitere Studien an der Bevölkerungsgruppe, die dem kontaminierten Wasser ausgesetzt war - vor allem neuropsychologische Untersuchungen, die Erfassung

der regulären Gesundheitsdaten sowie Untersuchungen der kognitiven, verhaltensrelevanten und bildungsrelevanten Entwicklung der Kinder, die damals betroffen waren;

  • Empfohlen werden weiters Untersuchungen zur Verbesserung der Erkenntnisse zu toxikologischen Auswirkungen von Aluminium zur Bestimmung eines NOAEL (No Observed

Adverse Effect Level) für Aluminiumsalze, denen Menschen bei akuten und bei chronischen Belastungen ausgesetzt sein können, zur Frage der Bioverfügbarkeit, zur Neuroto- xizität von Aluminium und zu der möglichen Rolle bei der Entstehung von neurologischen Erkrankungen.[1] [2]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Österreichs Gesundheitsminister Alois Stöger: Aluminium vorsorglich reduzieren!, OTS-Pressemeldung vom 11. Juni 2014 zur Veröffentlichung einer 157-seitigen Literatur-Studie "Aluminium-Toxikologie und gesundheitliche Aspekte körpernaher Anwendungen"
  2. 2,0 2,1 Literatur-Studie "Aluminium-Toxikologie und gesundheitliche Aspekte körpernaher Anwendungen", im Auftrag von Österreichs Gesundheitsminister Alois Stöger herausgegegeben am 11. Juni 2014, PDF-Datei, 157 Seiten, 2.47 MB, Herausgeber, Medieninhaber und Hersteller: Bundesministerium für Gesundheit, Sektion II, Radetzkystraße 2, 1031 Wien; Für den Inhalt verantwortlich: Dr. Ulrich Herzog; AutorInnen: Mag. Sabine Greßler, Dr. René Fries
  3. Camelford water pollution incident ,1988, Alzheimer-Obduktionen: 3x bis 4x mehr Aluminium im Gehirn