Immunsystem

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Sport und Immunsystem

Beeinträchtigung der Abwehrfunktion nach erschöpfenden Belastungen

Im Rahmen einer epidemiologischen Studie wurde in der Woche nach einem Marathonlauf bei jedem siebten Teilnehmer ein Atemwegsinfekt beobachtet. Sportler, die sich auf den Wettkampf normal vorbereitet hatten, aber nicht teilnahmen, hatten nur in 2% der Fälle eine vergleichbare Erkrankung
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Quelle: Deutsches Ärzteblatt 1998; 95(10)[1]


Insgesamt sprechen Studienergebnisse in [2] für eine vorübergehende Beeinträchtigung der Abwehrfunktion nach erschöpfenden Belastungen. Dies wirkt sich besonders ungünstig aus, wenn bei bestehenden Infekten intensives Training oder Wettkämpfe durchgeführt werden. In Tierversuchen führte psycho-physischer Streß zu einer erhöhten Myokarditisletalität in murinen experimentellen Infektionsmodellen. Einzelfallbeobachtungen an Menschen zeigen Zusammenhänge zwischen körperlicher Belastung, Myokarditis und plötzlichem Herztod. Von ärztlicher Seite ist daher bei Infektionen mit Zeichen der Generalisation (Fieber, Lymphknotenschwellung, allgemeine Abgeschlagenheit) ein Sportverbot notwendig. Wettkämpfe sollten unbedingt vermieden werden. Bei leichteren Erkrankungen (zum Beispiel Schnupfen ohne Fieber) ist niedrig dosiertes, eher regeneratives Training ohne ausgeprägte anaerobe Belastungen noch vertretbar.[2]

Leistungssport und Immunsystem: mehr Atemwegsinfekte bei Intensivtraining

Während der Vorbereitungsphase auf einen Marathonlauf wurde von den Sportlern die Häufigkeit von Atemwegsinfekten protokolliert. Beim Trainingsumfang unter 32 km pro Woche war die Häufigkeit von Atemwegsinfekten am geringsten. Die relative Häufigkeit wurde als 1 angenommen
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Quelle: Deutsches Ärzteblatt 1998; 95(10)[1]


Mehrere Studien untersuchten den Einfluß von Leistungssport auf Laborparameter des Immunsystems [2]. Ausdauerathleten wiesen im Vergleich zu Untrainierten niedrigere Leukozytenzahlen auf, wobei die Mehrzahl der Autoren allerdings keine signifikanten Abweichungen feststellen konnte. Funktionelle Veränderungen weißer Blutzellen, zum Beispiel eine veränderte Phagozytose, beeinträchtigte Superoxidradikalbildung oder eine Reduzierung von sekretorischem Immunglobulin (IgA) an den Schleimhäuten, spielen für das Infektrisiko bei Leistungssportlern wahrscheinlich eine bedeutsamere Rolle. Eine erhöhte Rate an Atemwegsinfektionen fand Linde [2] bei schwedischen Orientierungsläufern im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Zwei Untersuchungen konnten zeigen, daß bei intensivem Training mit hohen Umfängen die Zahl der Atemwegsinfekte zunimmt. Zur Frage, ob die Inzidenz von Tumoren durch Leistungssport beeinflußt wird, liegen nur wenige Studien vor. Sie deuten eine Zunahme des Erkrankungsrisikos an. In Einzelfällen beobachteten wir bei langfristigem extremen psychischen (intensive anaerobe Belastungen ohne Regeneration) und psychischen Streß (Kampf gegen den Abstieg oder um Sponsorenverträge) das Auftreten von Lymphomen. Vermehrte Forschungsanstrengungen sind nötig, um zu klären, ob wirklich kausale Zusammenhänge bestehen.[2]

Präventives Training stärkt das Immunsystem

Im Rahmen einer Trainingsstudie mit älteren Frauen wurde die Häufigkeit von Atemwegsinfekten bei moderat Ausdauersporttreibenden (Wogging) und bei Probanden, die Gymnastik ohne Kreislaufeffekt betrieben (im Sinne einer Plazebogruppe), verglichen.
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Wogging: Mix aus Walking & Jogging[1]


Bei moderater sportlicher Aktivität, wie sie im Gesundheitssport empfohlen wird, konnten in Trainingsstudien eine Verbesserung der NK-Zellfunktion und ein Anstieg des Immunglobulinspiegels gezeigt werden. Alterssportler (Ausdauerathleten) hatten im Vergleich zu Kontrollgruppen eine höhere In-vitro-Interferon-gProduktion und Lymphozytenproliferation. Diese Beobachtungen legen eine günstige Beeinflussung altersbedingter immunologischer Abbauprozesse nahe. Hierfür könnten Trainingsanpassungen verantwortlich sein, die zu einer Verminderung von oxidativem Streß und konsekutiven Schäden an der Erbsubstanz führen. Epidemiologische Untersuchungen fanden bei mäßig Ausdauertrainierten eine im Vergleich zu Untrainierten reduzierte Rate an Atemwegsinfekten. Dies hat zu dem Modell der j-Kurve für die Beeinflussung der Häufigkeit von Atemwegsinfekten durch Sport geführt. Dabei sind Trainingsumfänge von etwa 15 bis 25 Laufkilometern pro Woche (oder vergleichbare Umfänge in anderen Ausdauersportarten) als moderat anzusehen. Die Belastungsintensität sollte eher niedrig gewählt werden, die Laktatwerte im Blut sollten bei 2 bis maximal 3 mmol/l liegen.[2]

Die vorliegenden epidemiologischen Studien deuten eine J-förmige Beziehung (J-Curve) zwischen körperlicher Aktivität und dem Risiko von Atemwegsinfekten an. Nichtsportler und sehr aktive Sportler haben ein erhöhtes Erkrankungsrisiko. Dagegen führt moderater Ausdauersport zu einer minimierten Rate an Atemwegsinfekten
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Quelle: Deutsches Ärzteblatt 1998; 95(10)[1]


Inwieweit das Risiko, an einem Tumor zu erkranken, durch regelmäßigen Ausdauersport reduziert werden kann, wurde in zahlreichen epidemiologischen Studien untersucht. Zur Klärung dieser Fragestellung erfaßten Studien das Aktivitätslevel zum Teil retrospektiv anhand von Fragebögen oder Berufsbeschreibungen. Diese, bezüglich einer objektiven Fitneßbeurteilung methodisch problematischen Untersuchungen konnten eine um etwa 50 Prozent reduzierte Inzidenz von Dickdarmtumoren bei regelmäßig körperlich Aktiven nachweisen, während andere Tumorlokalisationen weniger eindeutig beeinflußt werden. Blair et al. [2] bestimmten prospektiv die körperliche Leistungsfähigkeit im Rahmen einer ergometrischen Fitneßtests. Krebserkrankungen traten in den Folgejahren bei leistungsschwachen Probanden viermal häufiger auf (im Vergleich zu den Leistungsstarken). Für ein vermindertes Erkrankungsrisiko an Tumoren könnten neben sportbedingten Modifikationen des Immunstatus auch andere Faktoren von Bedeutung sein wie zum Beispiel Abnahme des Körpergewichts, niedrigere Östrogenspiegel oder veränderte Ernährungs- und Lebensgewohnheiten.[2]

Günstige Effekte eines moderaten Ausdauertrainings auf das Immunsystems

Besonders Patienten, die über Infektanfälligkeit klagen, kann eine entsprechende Trainingstherapie uneingeschränkt empfohlen werden. Auch altersbedingte immunologische Defizite und das Risiko, an Krebs zu erkranken, werden verringert. Hohe Trainingsumfänge und -intensitäten sind dabei nicht nötig, sie können den gewünschten Effekt sogar umkehren. Epidemiologischen Studien zufolge ist die optimale Wirkung für den Laufsport bei Trainingsumfängen zwischen 15 bis 25 km/Woche, verteilt auf drei bis vier Trainingseinheiten, zu erwarten. Dieser Umfang kann sinngemäß auf andere Ausdauersportarten übertragen werden, obwohl keine entsprechenden Untersuchungen dazu vorliegen. Die Belastungsintensität sollte so gewählt werden, daß Milchsäurekonzentrationen von 2,5 bis 3 mmol/l im Blut nicht überschritten werden. Als Richtwert kann auch eine Herzfrequenz zwischen 110 bis 140 Schlägen pro Minute, abhängig von Alter und Sportart, angesehen werden. Die Trainingssteuerung anhand der Laktatkonzentrationen ist jedoch genauer und kann zusätzlich eine eventuelle Leistungssteigerung dokumentieren. Notwendige Regenerationszeiten müssen eingehalten werden, bei intensiverem Training sind mindestens 48 Stunden erforderlich. Hochintensive oder erschöpfende Belastungen und Leistungssport scheinen sich eher ungünstig auf die Funktionalität des Immunsystems auszuwirken. Es sollte versucht werden, durch angepaßte Trainingsgestaltung die negativen Auswirkungen in Grenzen zu halten. Hier sind besonders eine ausreichende Grundlagenausdauer und die Beachtung von Regenerationszeiten von Bedeutung.[2]

Weitere Informationen

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 Sport und Immunsystem: Dtsch Arztebl 1998; 95(10): A-538 / B-438 / C-411; Matthias Baum & Heinz Liesen, PDF-Datei, 109kB, 4 Seiten
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 2,8 Sport und Immunsystem, Dtsch Arztebl 1998; 95(10): A-538 / B-438 / C-411; Baum, Matthias; Liesen, Heinz

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